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Rezension: Zwischen Simulation und Narration: Theorie des Fantasy-Rollenspiels
14 Jun 2012

Der Autor

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Wenn ich nicht gerade spiele verunstalte ich Medien. Kommt einem zu Gute bei eigenen Rollenspielen wie Malmsturm oder Projekten wie Ratten!, Savage Worlds Gentlemens Edition, Scion, Sundered Skies und ein paar anderen. An und für sich bin ich der Erzählonkel, daher auch die große liebe zu FATE. Manchmal muss es aber auch ein Burger statt Steak sein und so wird gern und oft auch Savage Worlds oder wenn es klasisch sein soll Pathfinder und Konsorten gespielt. Ich probier gern und oft Systeme aus aber die eigentliche Leidenschaft sind die Hintergrundwelten.

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Titel: Zwischen Simulation und Narration: Theorie des Fantasy-Rollenspiels
Art: Vergleichende wissenschaftliche Untersuchung
Regeln:
Sprache: Deutsch
Verlag: Peter Lang – Internationaler Verlag der Wissenschaften
Publikationsjahr: 2012
Autor: David Nikolas Schmidt
Umfang: 403 Seiten
Bindung: Hardcover
Preis: 64€
Rezensent: Martin Wagner

Rollenspiele werden seit mehr als 40 Jahren von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gespielt. Den Anfang machte die Weiterentwicklung des Spieles „Chainmails“ hin zu „Dungeons & Dragons“ durch Arneson und Gygax. Durch diese Weiterentwicklung, werden die Namen Gygax und Arneson wohl noch in weiteren 40 Jahren mit dem Hobby in Verbindung gebracht werden. Das Nischenhobby verharrte natürlich nicht in seiner Nische und bediente auch in den Folgejahren nicht nur ein Genre. Mittlerweile gibt es zahllose Rollenspiele unterschiedlichster Genres, von Fantasy, über Mittelalter, bis hin zu SciFi, Cyberpunk und Horror, um nur einige zu nennen. Unzählige Spieler, deren genaue Anzahl man international und national nur Schätzen kann. Daneben gibt es gerade auf dem Computerspielemarkt viele erfolgreiche Computerspiele und auch einige MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role-Playing Games), die von mehr als 10 Millionen Spieler regelmäßig gespielt werden.

Trotz großer Fangemeinde und trotz der MMORPGs sind Rollenspiele von der Wissenschaft bisher nur stiefmütterlich behandelt worden und dann auch meist nur in einem Nebensatz. In der Szene selbst gibt es dazu deutlich mehr Literatur, wenn auch nicht immer auf wissenschaftlichem Stand sondern eben nur aus der Sicht von Rollenspielautoren, Rollenspielern und Spielleitern und für jeweils andere aus der Szene geschrieben. Ein Grund für das kaum vorhandenen Interesse an Rollenspielen mag darin begründet sein, dass Rollenspiele nicht nur eine Wissenschaft betreffen. Die Ludologie, müsste sich eigentlich primär damit beschäftigen, aber auch die Literaturwissenschaft, die Medienwissenschaft und sogar die Theaterwissenschaft müssten ein begründetes Interesse an diesem Hobby haben. David Nikolas Schmidt, hat sich in seiner Dissertation dem Thema nun angenommen und sich dabei interdisziplinär sowohl mit dem Rollenspiel als literarische Gattung, aber auch mit dem Rollenspiel als Spiel beschäftigt, um eben diese Interdisziplinarität beschreiben und erklären zu können. Herausgekommen ist, das im Peter Lang Verlags erschienene Buch, „Zwischen Simulation und Narration: Theorie des Fantasy-Rollenspiels“.

Ganz im Sinne der Wissenschaftlichkeit, beginnt das Buch mit einer Widmung und einer Danksagung. In letztere werden neben Freunden und Familie natürlich auch die Professoren, die Kollegen und Korrekturleser erwähnt.
Es folgt ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis, das trotz seiner Knappheit sechs interessante Kapitel mit unterschiedlichsten Inhalten verspricht, und natürlich die Einleitung, in der Schmidt seine Theorie zur Interdisziplinarität von Fantasy-Rollenspielen vorstellt und in der er sein Vorgehen sowie den Inhalt seiner ausführlich Dissertation beschreibt.
Kapitel 1 widmet sich schließlich den Grundlagen. Die Gattung Fantasy-Rollenspiel wird charakterisiert und definiert. Hier finden sich neben einem historischen Überblick zur Entstehung und Entwicklung der Gattung, auch Informationen zu allgemeinen Regeln, Rollen und Funktionen des Rollenspiels, sowie die Vorstellung einiger Rollenspiele sortiert nach Genres, Stilen und Systemen und eine Vorstellung verwandter beziehungsweise ähnlicher Formen von Rollenspielen, zum Beispiel als Computerspiel. Ein tolles Kapitel, das nicht nur auf die Gattung Fantasy-Rollenspiel schaut, sondern auch andere Arten von Rollenspiel näher in Augenschein nimmt und deshalb wirklich einen kompletten Werdegang der Gattung beschreibt.
Im zweiten Kapitel werden drei Rollenspiele, „Das Schwarze Auge“, „Shadowrun“ und „Cthulhu“ vorgestellt, untersucht und anschließend miteinander verglichen, um Gemeinsamkeiten, von denen es viele gibt, und Unterschiede, von denen es weniger gibt als an denkt. Diese Untersuchung dient der Schaffung einer allgemeinen Grundlage und es ist deshalb kein Wunder, dass neben den erfolgreichsten und beliebtesten deutschen (übersetzten) Rollenspielen, drei auftauchen, die jeweils stellvertretend für ein Genre stehen. Die drei Systeme werden detailliert vorgestellt. Dabei werden Regeln, Welt, Charaktere, Spielstil, Entstehung, Entwicklung und weitere Umsetzungen vorgestellt und eben untersucht. Der Vergleich ist kurz, zeigt aber deutlich Gemeinsamkeiten von Rollenspiele und Unterschiede die durch die unterschiedlichen Genres entstehen beziehungsweise vorgegeben werden.
Nachdem in den ersten beiden Kapiteln die Grundlagen geschaffen wurden, widmet sich das dritte Kapitel dem Rollenspiel als neue Form des Erzählens, also der Narration in Verbindung mit Simulation. Basierend auf den Vorgestellten Ergebnissen der Untersuchung der Rollenspielsysteme und bereits vorhandenen Modellen, wird in diesem Kapitel exemplarisch die Beziehung zwischen Narration und Simulation aufgezeigt. Dabei widerlegt der Autor deutlich scheinbare Gegensätze zwischen Spielen und Erzählen im Rollenspiel. Dabei werden vor allen Dingen die Aufgaben und Beteiligung von Spielern und Spielleitern beim Rollenspiel in den Fokus genommen. Als Literaturwissenschaftler ist klar, dass der Autor hier Prioritäten setzt und immer wieder Gemeinsamkeiten mit bestehenden Erzählformen und literarischer Genres aufzeigt. Neben den Gemeinsamkeiten, widmet er sich aber auch den Abgrenzungen dieser neuen Gattung zur Ludologie aber auch zur Literatur.
Im vierten Kapitel steht wieder die Interdisziplinarität im Vordergrund. Hier werden bestehenden theoretische Ansätze aufgezeigt und im späteren Verlauf die Idee zur Schaffung einer integralen Gattungstheorie, die alle Disziplinen, mit denen Rollenspiel in Berührung kommt, vorgestellt. Im ersten Teil dieses Kapitels finden sich neben Huizinga, dem Vater der Ludologie, auch Namen, die nur in Rollenspielkreisen zu Berühmtheit gekommen sind, wie Laws, Wallis und Kuhner und Kim. Alles Rollenspieler, die sich mit dem Spiel auseinandergesetzt haben und Spielertypen definiert haben. Neben diesen Theorien finden sich aber auch Theorien von Wissenschaftlern verschiedenster Felder, die deutlich machen, dass Rollenspiele tatsächlich viele Disziplinen tangieren. Als Fazit bleibt, dass Spielen und Erzählen, das trennt Schmidt nicht, immer zwischen zwei Grundformen pendelt, Standardsituation und freier Interaktion, und, dass Standardsituation mit Würfeln, freie Interaktion aber mit narrativen Elementen gelöst werden. Je nach Rollenspielsystem und Genre kommen beide Grundformen äußerst variabel vor.
Die gesellschaftlich-kulturelle Bedeutung des Rollenspiels ist das Thema des fünften Kapitels. Neben den Beiträgen, die das Rollenspiel zur Sozialisierung leisten kann, macht Schmidt hier auch deutlich, dass der schlechte Ruf des Hobbys völlig unbegründet, und dass das Potential des Hobbys hier bei weitem noch nicht ausgeschöpft sei.
Genau mit diesem Potential befasst sich das abschließenden sechste Kapitel. Stetige Entwicklung und Einflüsse durch und auf andere Gattungen und Medien, werden hier als Chance erkannt und hoher Bedeutung beigemessen, sowohl in gesellschaftlich-kultureller als auch in persönlicher Sicht. Dementsprechend positiv fällt auch Schmidts Schlussbemerkung aus, die dem Hobby abermals ein hohes Potential und eine klare Interdisziplinarität unterstellt, die ihresgleichen sucht.
Den Abschluss des Buches bildet, wie man es von wissenschaftlicher Literatur kennt, ein detailliertes Literatur- und Quellenverzeichnis, in der auch Rollenspieler durchaus nützliche weiterführende und grundlegende Literatur finden werden.

Wer wissenschaftliche Literatur kennt, weiß, dass er sich mit der Lektüre eines Buches etwas zumutet. Fußnoten, die das Lesen stören, wissenschaftliche Fach- und Fremdwörter, langweiliger Schreibstil und so weiter. Viele Vorurteile sind vorhanden und „Zwischen Simulation und Narration“ ist dann genau das, was man als Ausnahme, die die Regel bestätigt, bezeichnen muss. Die Dissertation ist gut geschrieben und auch die vielen Fußnoten stören des Lesefluss kaum. Fachwörter werden zwar verwendet, sind aber leicht zu verstehen und man hat nie das Gefühl dem Inhalt nicht folgen zu können. Gleichwohl ist es wissenschaftliche Literatur und deshalb muss man sich an die Art der Präsentation gewöhnen, was aber nicht so schwer fällt, wie man es erwartet. Die Beispiele sind gut gewählt und schaffen eine wirklich gelungene Grundlage zum Thema Fantasy-Rollenspiele, aber sind auch für Spieler und Spielleiter, die sich mit den vorgestellten Systemen beschäftigen, nicht uninteressant, da Interviews und Zitate so noch nie auf einen Punkt gebracht worden sind. Neben den Beispielen ist aber für Rollenspieler unbedingt auch die historische Entwicklung ihres Hobbys zu empfehlen. Militärstrategen, Wargamer und Rollenspieler sind sich näher als man denkt. Kurzum, das Buch ist das Grundlagenwerk zum Thema Fantasy-Rollenspiele. Es verbindet alle bisherigen Theorien zum Rollenspiel aus Sicht von Rollenspielern, mit dem wissenschaftlichen Hintergrund der Ludologie und der Literaturwissenschaft und führt hoffentlich dazu, dass das Hobby bald über seine Grenzen hinaus Beachtung und vor allen Dingen Anerkennung findet, denn das Potential zu mehr als einem Spiel hat es allemal.

Fazit: „Zwischen Simulation und Narration: Theorie des Fantasy-Rollenspiels“ von David Nikolas Schmidt ist das Grundlagenwerk zum Thema Fantasy-Rollenspiel. Entstehung, Entwicklung und Potential werden wissenschaftlich aber auch unterhaltsam an Beispielen aufgezeigt und anhand dessen untersucht. Ab jetzt dürfen Rollenspieler viel selbstbewusster über ihr Hobby sprechen und wer sich schon immer für Rollenspieltheorie interessierte, kann auf dieses Buch nicht verzichten.

6 Comments
5 Kommentare
  1. hört sich echt gut an aber € 64 !!! *sick*

  2. Hört sich indeed gut an, aber ob eine Abhandlung wirklich dazu führt mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen zu können? So lange das buch nicht flächendeckend gelesen wird, halte ich es für utopisch 😉

  3. Danke für die Rezension. Von solchen Werken hört man ja sonst wenig. Mal sehen, ob ich mir das anschaffe. Braucht man ja zur kritischen Auseinandersetzung. 🙂

  4. Danke für die Buchbesprechung!

    Interessant ist die Dissertation auf jeden Fall, auch wenn die genauer untersuchten Spiele nicht so mein Fall sind. Was mir bei der Vorstellung des Buchs in den Sinn kommt: Die verschiedenen Fachrichtungen der Pädagogik könnten gut von einer wiss. Durchleuchtung von „Fantasy-Rollenspielen“ profitieren.

    … so jetzt muss ich auf das Buch sparen.

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