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Rezension: Schnutenbach – Böses kommt auf leisen Sohlen
01 Apr 2013

Der Autor

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Wenn ich nicht gerade spiele verunstalte ich Medien. Kommt einem zu Gute bei eigenen Rollenspielen wie Malmsturm oder Projekten wie Ratten!, Savage Worlds Gentlemens Edition, Scion, Sundered Skies und ein paar anderen. An und für sich bin ich der Erzählonkel, daher auch die große liebe zu FATE. Manchmal muss es aber auch ein Burger statt Steak sein und so wird gern und oft auch Savage Worlds oder wenn es klasisch sein soll Pathfinder und Konsorten gespielt. Ich probier gern und oft Systeme aus aber die eigentliche Leidenschaft sind die Hintergrundwelten.

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schnutenbach
Titel: Schnutenbach – Böses kommt auf leisen Sohlen
Art: Quellenbuch
System: Universal
Sprache: Deutsch
Verlag: Mantikore Verlag
Publikationsjahr: 2012
Autor: Karl-Heinz Zapf
Illustrationen: Ulrike Kleinert
Umfang: 201 Seiten
Bindung: Hardcover
Preis: 24,95
Rezensent: A. Giesbert

Schnutenbach ist eine der ungewöhnlicheren Rollenspielhilfen. Auf den ersten Blick ähnelt die “universelle Dorfbeschreibung” einer üblichen Regionalbeschreibung. Auf den zweiten Blick unterscheidet sie sich dann aber doch ziemlich stark. Zuerst einmal wäre da der Umfang. Schnutenbach ist keine kleine Spielhilfe eines Dorfes das man lediglich zwischendurch in ein Abenteuer einbauen kann, sondern hat ziemlich genau 200 Seiten Umfang. Und auf denen wird keine Hauptstadt eines Fantasyreiches, kein Kontinent oder eine ganze Region behandelt, sondern eben einfach nur Schnutenbach und die nähere Umgebung. Also ein etwa 250 Seelen Dorf das – so viel darf verraten werden – auch nicht am Ende als das geheime Zentrum irgendeines epischen Geschehens erscheint. Schnutenbach ist (fast) einfach nur ein Dorf…

Wo und Wie?
Schnutenbach ist ein Dorf das an keinen speziellen Hintergrund gebunden ist, ist aber dennoch natürlich nicht überall genauso gut einzubauen. Zuerst einmal liegt das Dorf nicht im (n)irgendwo, sondern an den Grenzen zu einem benachbarten (osteuropäisch angehauchten) Fantasyreich und des gefährlichen Riesenjoch-Gebirges. Zwar kann das Dorf auch mit etwas Abwandlung ohne diese Faktoren funktionieren, aber durch diese doppelte Grenzsituation – also als recht einsames Dorf am Ende des “alten Reiches” – hat es einige mögliche Aufhänger und Logiken die man sonst nicht nutzen kann.
Zum anderen ist da der Stil. Schnutenbach ist in einem dunklen Low-Fantasy Setting angesiedelt. Das meint, dass es hier keinen Überfluss an ominösen Fantasyvölkern gibt und Magie nicht an jeder Ecke lauert, also es keine magischen Gnomaufzüge oder magische Putzhilfen gibt. Stattdessen findet man die üblichen Fantasyvölker (Zwerge, Elfen, Halblinge) und selbst die sind in Schnuetnbach recht selten. Magie kommt im wesentlichen durch religiöse/okkulte Erklärungen ind as ebschauliche Dorf. Phantastischer wird es da in den weiten Wäldern um Schnutenbach, wo Reptilienmenschen, Biestmenschen, Minotauern und andere Bestien wildern können. Alles bleibt aber in einem Rahmen der nicht nur für den eigenen Geschmack abänderbar ist, sondern auch einfach ein Mittelalter Dorf sein kann in dem einige Albträume wahr geworden sind. Zu diesem düsteren Low-Fantasy Hintergrund kommt schließlich noch eine Prise Humor hinzu. Es wird mit einigen Klischees gespielt und in Einzelfällen haben fast alberne Aspekte ihren Einzug gehalten. Zu guter Letzt werden diese humoristischen und Dark-Fantasy Elemente aber auch durch viel einfaches Dorfleben ausgeglichen. Mit wenig Aufwand kann man also auch ein “einfaches” Dorf mit leichten Fantasy und Horroranklängen erzeugen oder sich ganz auf die idyllischen Seiten Schnutenbachs konzentrieren.

Was?
Aber was enthält Schnutenbach jetzt genau? Erst einmal eine ganze Menge und noch viel mehr. Der Hauptteil ist die Beschreibung Schnutenbachs. Vom ersten Erscheinungsbild und der Lage im Königreich angefangen geht es an die Beschreibung von 37 Häusern und Orten. Diese sind auf je etwa einer Seite beschrieben, haben Ihre Eigenheiten und werden je von mindestens einer Charakterbeschreibung ergänzt. Schnutenbach stellt also nicht exemplarische Häuser vor, sondern stellt das Dorf konsequent auf einer Alltagsebene vor. Auch wenn Platz für weitere (angedeutete) Personen und kleinere weiße Flecken ist, hat man hier eine vollständige Dorfgemeinschaft vor sich. Das ganze ist ziemlich imposant, da die Personen Verknüpfungen untereinander haben und das Dorf fast zum Leben erwachen kann. Schön sind dabei Details wie alte Sagen mit wahrem Kern oder Anekdoten aus der Geschichte Schnutenbachs. Aber auch unabhängig dieses großen (bzw. kleinen) Ganzen kann man die Beschreibung als ein Sammelsurium interessanter Einzelorte nehmen die man tatsächlich sehr generisch einsetzen kann. Wer also eine Fischerhütte oder verschiedene Bauernhöfe auf seiner Welt verstreuen will, kann sich hier problemlos bedienen…
Neben Schnutenbach wird auch die nähere Umgebung beschrieben, kleinere Ansiedlungen wie die Zwergenbergbausiedlung “Agrimmar” oder die Western-Stadt “Goldenhofen” werden vorgestellt, ebenso wie ein Magierturm, der bedrohliche Sumpf “Pfuhl” und andere spannende Orte, Lager und Verstecke…
All die Beschreibungen enthalten immer wieder Andeutungen von Geheimnissen und Möglichkeiten für Abenteuer. Noch konkreter wird es mit einigen “Dungeons” durch die sich gekämpft werden kann und schließlich reihenweise weiterer Abenteuerideen…

Things to do in Schnutenbach
Etwa die Hälfte des Buches enthält verschiedene Abenteuerideen. Neben den schon genannten Dungeons gibt es 5 Kurzszenarios mit möglichen Twists und Charakteren die je etwa eine Seite fassen. Danach folgen 3 etwas längere Abenteuerideen und schließlich ein vollständiges 15-Seitiges Abenteuer.
Den interessantesten Teil macht vielleicht das Kapitel “Wer geht denn da?” aus. Auf den ersten Blick ist dies eine einfache Begegnungstabelle, diese enthält aber über 40 Einzelbegegnungen die je etwa eine halbe Seite umfassen und gute Abenteuer(hooks) abgeben. Auch wenn ich den Regelvorschlag etwa stündlich zu Würfeln etwas spieluntauglich finde ist es schön, dass es Würfelaufschläge gibt, je weiter man sich aus Schnutenbach entfernt, wodurch gefährlichere bzw. lokal abgelegenere Begegnungen ergeben…
Alles in allem gibt es also ordentlich was zu tun in Schnutenbach. Man wird wirklich mit Abenteuerideen überschüttet und kann vieles davon auch aus Schnutenbach loslösen. Die Plots sind dabei recht plausibel, es fehlt den meisten aber ein besonders spannender Kniff oder Überraschungsmoment.
Das gilt auch etwas für das Geheimnis des Dorfes, das man etwas verstecken sollte um es nicht zu schnell aufzulösen sowie für manche Klischeehaften Beschreibungen. So stößt mir zum Beispiel das Zigeunerlager vollere rassiger stehlender Zigeunerschönheiten etwas bitter auf…

Mächte, Mythen, Mutationen
Schließlich verspricht der Buchrücken ein universelles Spielsystem. Das ist etwas hoch gegriffen und sollte kein Kaufgrund sein. Es handelt sich hier einfach um die Vorstellung von 10 Attributen die – bis auf die “Attacken” – allesamt Prozentzahlen sind auf die gewürfelt werden kann. Das Kapitel erklärt demnach auch, dass es eher als Konvertierungshilfe, denn als volles System verstanden werden soll. Konsequent werden daraufhin auch die weit über hundert Personen und Ungeheuer des Buches mit Werten und ihrem Profilbild aufgelistet.

Aufmachung und Aufbau
Schnutenbach ist ein wirklich schön aufgemachtes Rollenspielbch. Nicht nur dass das A4-Hardcover einiges hermacht, auch ist es wirklich reich illustriert. Wirklich alle Personen und Monster die ausführlicher vorgestellt werden sind ansehnlich illustriert. Der Seitenhintergrund hat eine gruselige/stimmungsvolle Illustration bekommen und einige ganzseitige Illustrationen werten den Band optisch weiter auf. Zudem sind die Dungeons und einige Gebäude mit gelungenen Grundrissen ausgestattet. Schnutenbach lässt sich also sehen…

…aber leider wird die Aufmachung durch den Druck etwas gestört. Der Druck ist etwas zu kontrastarm, so dass das lesen des Texte bei wenig Licht beschwerlich wird. Ärgerlicher ist schon, dass die Portraits dadurch teilweise schwer zu erkennen sind und insbesondere manche der ganzseitigen Illustrationen leiden deutlich unter dem Druck. Das ist tatsächlich nur ein Schönheitsfehler, aber besonders schade weil es an sich ein sehr schönes Buch ist.
Ein zweites Problem ist die Übersichtlichkeit des Bandes. Das Inhaltsverzeichnis ist (bewusst) knapp gehalten, leider fehlt aber auch ein Index oder eine andere Übersicht. Spätestens bei der Werteübersicht der Persönlichkeiten oder der Dorfkarte wären Seitenzahlen sehr nützlich gewesen. Man muss also die verschiedenen Kapitel, Personen und Orte etwas mühselig suchen. Zwar gibt es einige Querverweise mit Seitenzahlen und Fettdruck für Personen, beides wurde aber leider nicht konsequent umgesetzt. Hinzu kommen kleinere Makel, wie die Frakturüberschriften die eine schnelle Übersicht ebenso erschweren wie die etwas verrutschten Bodenpläne (die scheinen einige Seiten nach vorne gerutscht zu sein) und das über den Großteil des Buches gleiche Layout. Auch hier gilt, dass dies das Buch nicht schlecht macht, aber eben unnötig unkomfortabel ist. Vielleicht hilft Mantikore da mit einem Download nach?

Fazit
Bis darauf, dass mich der Druck und die Übersichtlichkeit etwas stören ist Schnutenbach ein unglaublich gutes und interessantes Buch. Man hat wirklich viel Material und viele Weisen es zu nutzen. Es ist selten das mich ein Quellenbuch so fesselt und ich immer wieder überrascht war was noch alles in das Buch gepasst hat. Schnutenbach sind 200 Seiten mehr als solide Dorfbeschreibung wie ich es so (leider) noch nie gesehen habe. Wer also irgendeine Verwendung für Dorfbeschreibungen hat, entweder um Sie einfließen zu lassen oder um sogar eine ganze Kampagne in Schnutenbach anzusiedeln sollte dringend zugreifen.

5 Comments
5 Kommentare
  1. Bitte, bitte, sag, dass es sich um einen Aprilscherz handelt.

  2. Wieso? Hast du da einen sehr abweichenden Eindruck, fehlt dir etwas entscheidendes oder was bringt dich zu der Annahme?

  3. Naja, alles, vom Anfang bis zum Ende… 200 Seiten über ein DORF? Und dann der Name!

  4. Ah okay,
    nein Schnutenbach hat tatsächlich diesen gewöhnungsbedürftigen Namen, ist aber ein echtes Rollenspielprodukt und wie ich finde auch ein recht gutes. Dass der sehr – wie soll man sagen – bodenständige Ansatz, also Häuser und Personen durchzugehen gewöhnungsbedürftig ist, habe ich ja auch in der Rezi durchaus zu vermitteln versucht. Ich finde Schnutenbach setzt das bei allen kleinen albernheiten dennoch sehr gut um.

  5. Für Inspirationen was Dörfliches angeht, empfehle ich Robert Schneiders Schlafes Bruder. Vorsicht, das Ganze wirkt aber sehr verelendet, dreckig, archaisch, naturnah, isoliert, inzestiös und ist mit fiesen Machtkonstellationen und dörfischem Neid, dörfische Liebschaften durchsetzt. Gäbe es auch als Film. Ist so ein wenig wie Dogville, nur noch dreckiger. Natürlich wär auch Lars von Triers Dogville ne tolle Inspiration, weniger eines Dorfes als einer Dorfgemeinschaft, in der vllt ein Fremder oder Sklave ziemlich ausgenommen wird. Ich habs nie versucht, man könnte aber echt Spaß haben, als Held da rein zu gehen und mal richtig für Ordnung zu sorgen. Boah Leute jetzt echt mal, wie ich diese verspießte Widerlichkeit des dörflichen und kleinstädtischen Lebens hasse, wo das Leben nicht begriffen wird und Ignoranz der Kitt ist, der alles zusammenhält. Wo man sich selbst und seinesgleichen eine Hölle schafft ohne es merken, aus reiner Phantasielosigkeit. Umso mehr ich drüber nachdenke, desto lieber würde ich da meine Powergaming-Fantasien ausleben wollen.

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