Rezension: Freelancer Hexxagon
11 Feb 2010

Der Autor

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Wenn ich nicht gerade spiele verunstalte ich Medien. Kommt einem zu Gute bei eigenen Rollenspielen wie Malmsturm oder Projekten wie Ratten!, Savage Worlds Gentlemens Edition, Scion, Sundered Skies und ein paar anderen. An und für sich bin ich der Erzählonkel, daher auch die große liebe zu FATE. Manchmal muss es aber auch ein Burger statt Steak sein und so wird gern und oft auch Savage Worlds oder wenn es klasisch sein soll Pathfinder und Konsorten gespielt. Ich probier gern und oft Systeme aus aber die eigentliche Leidenschaft sind die Hintergrundwelten.

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Tokusatsu Anime Action Rollenspiel

So gleich gehts los zu Bobby „Blitz“ Ellsworth, Dave Linsk, Derek Tailor, DD Verni und Ron Lipnicki aka Overkill. Herrenmäßiges Moshen ist angesagt. Schön eine Rezie in der Hinterhand zu haben. Ich lass Euch also mal mit der Rezie zum Rollenspiel Freelancer Hexxagon,  allein während ich bei ner ordentlichen Portion Thrash-Metal auf dem Killfest 2010 mit Suicideal Angels ( lecker), Cripper ( derbe Hannoveraner!) und Savage Messiah beim Schädeln bin. Merkt mann meine Freude? Overkill sind Live einfach Granate…

„Freelancer: Hexxagon“ ist ein Rollenspiel, das erst kürzlich bei Ulisses Spiele erschien, und dessen Genre im Bereich des sogenannten „Tokusatsu“-Manga/Anime angesiedelt ist. Was ist ein „Tokusatsu-Manga“? Ihr kennt die Power Rangers oder Sailor Moon? Diese fallen im weitesten Sinne unter Tokusatsu, im Falle der Power Rangers sogar unter Sentai, da es dort um eine Gruppe von Protagonisten geht, die sich durch entsprechende Gimmicks in ihr Super-„Alter Ego“ verwandeln können, und die über mehrere Staffeln hinweg ihre Abenteuer bestehen dürfen.

Was das mit Freelancer zu tun hat? Ganz einfach: Bei Freelancer übernehmen die Spieler die Rolle von sogenannten „Emorphern“, ganz besondere, vom Schicksal begünstigte Helden, die die Wirklichkeit auf eine ihnen ganz eigene Art und Weise manipulieren können.

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Um was geht es also in diesem etwas anderen RPG, dessen Untertitel „Köln Dungeon Monsterjäger“ bereits vermuten lässt, dass es sich um ein außergewöhnliches Setting handelt?
Die Spieler führen Emorpher, die, Zitat: „heute in einem Jahr“ im uns wohlbekannten Köln leben,
in einer Welt, die teils an die Settings von Urban Arcana oder die World of Darkness erinnert, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass das Geschehen in und um „Kölle“ herum stattfindet.
Die Charaktere der Spieler verfügen über eine von verschiedenen Karma-Gaben, die es ihnen ermöglichen, die Realität (bewusst oder unbewusst) zu beeinflussen, was sich regelseitig zum Beispiel dadurch ausdrückt, dass ein Emorpher, der die Karma-Gabe „Spieler“ gewählt hat, nicht würfelt, um seine Angriffs&Fertigkeitsproben abzulegen. Diese werden über ein recht ausgeklügeltes System abwickelt, indem der Spieler zu Beginn der Sitzung eine Kartenhand zieht, und durch das Ablegen von Karten (oder Pokerhänden wie Full House oder einem Flush) gewisse Zahlenwerte generiert, die er zur Bewältigung seiner Proben heranzieht. Interessanter Mechanismus, der dem Spieler gewisse Planbarkeit seiner Handlungserfolge zugesteht, was aber nicht zu mächtig erscheint, da die Streuung der Wahrscheinlichkeiten ähnlich wie bei einem W20 sein dürften. Zurück zur Welt von Freelancer, und der Frage, warum die Charaktere aktiv werden:
Die Emorpher sind die positive Seite der Medaille, die Risse in der Realität, durch die Monster und Dämonen in unsere Welt eindringen, sind die negative. Jedoch sind Emorpher die einzigen Menschen, die diese Monster und die Risse in der Realität als das wahrnehmen können, was sie tatsächlich sind. Jeder Emorpher, der „erwacht“, wird irgendwann vom mysteriösen „Corps“ angesprochen, einer Organisation, die magische „Henshin“-Artefakte sammelt und verwaltet, die es einem Emorpher ermöglichen, sich in ein Superhelden-Alter-Ego zu verwandeln, um im Auftrag des Corps gegen die Monster und Dämonen zu kämpfen, die unsere Realität bedrohen. Zudem hilft die Organistion den Emorphern ihre Gaben besser zu verstehen und einzusetzen, und im Gegenzug helfen diese dem Corps das Phänomen der Emorpher besser zu verstehen. Warum heißen die Freelancer dann eigentlich Freelancer? Ganz einfach: Das Corps kalkuliert damit, dass die Emorpher nicht bloße Befehlsempfänger sind, sondern früher oder später vom Corps vermittelte Aufträge ablehnen und anfangen, Eigeninitiative zu entwickeln, um so ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Zur Beschreibung der Wesenszüge der Protagonisten ist zu sagen, dass diese nach Aussage des Regelwerks über „Tugenden“ wie Coolness, Sportlichkeit oder auch Überzeugungskraft verfügen. Wobei ich mich dann aber frage, was sich der Autor unter diesen Tugenden vorstellt, denn ich musste beim Lesen der beiden im Buch abgedruckten Beispielhintergründe teils vor Ungläubigkeit den Kopf schütteln, während mich bei manchen Stellen das Gefühl beschlich, dass der Autor auf der Suche nach einem Beispiel für die genannten Tugenden der Emorpher etwas zu arg übers Ziel hinausgeschossen ist und damit meiner Meinung nach einen falschen Eindruck erweckt.

Es muss jedoch gesagt sein, dass das Setting von Freelancer an sich sehr einsteigerfreundlich ist, da es zu großen Teilen direkt an die Realität angelehnt ist. Geht es aber um die Regelseite von Freelancer, divergieren leider Settinganspruch und Regelwirklichkeit teils so stark, dass ich mich frage, wie der Bruch von Settingbeschreibung zur Realität der Charakterwerte geglättet werden kann. Die Charaktergenerierung bei Freelancer ist stufenbasiert und an sich sehr einfach aufgebaut:
Die SCs starten standardmäßig auf Gesamtstufe 5, mit 2 „Henshin“-Verwandlungsformen und 220 Generierungspunkten, mit denen man sich seine Attribute und Fertigkeitsgruppen zusammenkauft.
Die Formstufe(n) der Henshin-Form(en) bestimmen weitere Spezialfähigkeiten des Charakters, die einzelnen Henshin-Verwandlungsformen bei „Freelancer: Hexxagon“, wie „Druide“ oder „Ninja“, sind am besten mit Archetypen der klassischen Fantasy zu umschreiben.
Laut Lonsing soll das Regelsystem von Freelancer weniger Regeln als ein vergleichbares Brettspiel
bieten, jedoch erscheint mir die mechanische Seite von Freelancer komplexer und feingranularer, als es dem Spiel eigentlich gut tun würde, so sind „Abrollen“, „Balancieren“ und „Springen“ drei unterschiedliche Fertigkeiten, obwohl man zwei oder alle drei in eine Fertigkeit hätte packen können. Der grundlegende Probenmechanismus setzt sich in der Summe zusammen aus einem W20-Wurf + Attributswert (+ eventuellem Fertigkeitswert bei einer Fertigkeitenprobe) + Boni/Mali der mit einer gewissen Mindestwurfzahl verglichen wird. Ein komplexes Element, das ich in dieser Art und Ausarbeitung bisher nur bei Freelancer gesehen habe: Es gibt ein komplettes Regelsystem um „Hindernisparcours“ in Dungeons zu bewältigen, quasi die Pen&Paper-Variante eines Jump’n Runs. An sich ein interessanter Ansatz, der das für Anfänger ohnehin nicht gerade einfach zu bewältigende Regelsystem noch weiter ausbaut, dessen Kampfsystem mit 9(!) verschiedenen Zustands-Markern im Kampfsystem aufwartet, dessen Tabletop-Lastigkeit man die ehemalige Tätigkeit Lonsings für Games Workshop Deutschland und als Mitarbeiter&Projektleiter am
DSA-Miniaturenspiel „Armalion“ anmerkt. So sind die Hindernisparcoursregeln, und die erzählerische Ausgestaltung der Szenen ausserhalb des Dungeons des bösen Magiers „Hexxagon“ unter Köln nicht optional, sondern fest im Spiel integriert. Zu den Henshin-Verwandlungsformen ist zu sagen, dass diese bei Freelancer: Hexxagon durchgehend und ausschließlich Fantasystereotypen wie „Barbar“, „Ninja“, „Paladin“ oder „Druide“ beinhalten. Jede dieser Verwandlungsformen bietet gewisse Boni und Kniffe, die für ihren Archetypen teils sehr passend, und teils etwas merkwürdig oder übermächtig wirken, so kann die Henshin-Form des Mönchs eine Spezialfähigkeit namens „Reinkarnation“ wählen, die dem Charakter freies „Respawnen“ und somit praktische Unsterblichkeit erlaubt, indem die Seele und das Bewusstsein des Charakters auf einen anderen Menschen übertragen wird. Weiters lässt sich über das Regelsystem von Freelancer sagen, dass zwar Fertigkeiten wie „Kettenfahrzeuge“ oder „Hovercrafts“ gelistet sind, man aber leider bewusst auf Fahrzeugregeln verzichtet hat, da diese „in einem späteren Freelancer-Buch erläutert werden“.
Hätte man besser machen können. Neben der Settingbeschreibung und den Grundregeln findet man im Buch noch die Hexxagon-Kampagne, in der die Spielercharaktere dem bösen Schurken Hexxagon das Handwerk legen müssen, weil dieser droht, die Bewohner Kölns in Monster zu verwandeln, und die Charaktere der Spieler herausfordert, ihn von seinem Tun abzuhalten.
Zum Artwork von Freelancer muss man anmerken, dass das Spiel zwar Anime- und Manga-Anleihen besitzt, aber leider weder Fisch noch Fleisch ist. Zu westlich im Stil für Manga, zu japanisch für den europäischen oder den amerikanischen Stil. Die handwerkliche Qualität des Werks hingegen lässt meiner Meinung nach nichts zu wünschen übrig, Vollfarbdruck auf schwerem Mattpapier in solidem Hardcover mit Fadenbindung.

Mein Fazit: „Freelancer: Hexxagon“ bietet interessante Ansätze und ein durch Lokalkolorit geprägtes, alternatives Jetztzeitsetting samt einem Regelsystem, das teils gute Ansätze zeigt, sich jedoch teilweise etwas verzettelt, und letztlich mehr Komplexität aufbietet, als meines Erachtens für ein Einsteigerrollenspiel notwendig sein müsste. Trotzdem sei jedem, den das Setting und die Thematik von Freelancer anspricht, ein Blick ins Regelwerk empfohlen, um sich sein eigenes Urteil zu bilden.

Titel: Freelancer Hexxagon
Art: Grundregelwerk
Regeln: Freelancer Hexxagon
Sprache: Deutsch
Verlag: Ulisses Spiele
Publikationsjahr:
Autor: Christian Lonsing
Illustrationen: Nadine Wewer
Farbe: vierfarbig
Umfang: 160
Bindung: Hardcover
Preis: 29,99 €
ISBN: 978-3-86689-019-8
Rezensent: Michael Kaußen

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