Rezension: Delta Green: Strange Authorities
14 Aug 2012

Der Autor

Wenn ich nicht gerade spiele verunstalte ich Medien. Kommt einem zu Gute bei eigenen Rollenspielen wie Malmsturm oder Projekten wie Ratten!, Savage Worlds Gentlemens Edition, Scion, Sundered Skies und ein paar anderen. An und für sich bin ich der Erzählonkel, daher auch die große liebe zu FATE. Manchmal muss es aber auch ein Burger statt Steak sein und so wird gern und oft auch Savage Worlds oder wenn es klasisch sein soll Pathfinder und Konsorten gespielt. Ich probier gern und oft Systeme aus aber die eigentliche Leidenschaft sind die Hintergrundwelten.

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Titel: Delta Green: Strange Authorities
Art: Roman
Sprache: Englisch
Verlag: Arc Dream Publishing
Publikationsjahr: 2012
Autor: John Scott Tynes
Umfang: ~388
Bindung: ePub (kein pdf)
Preis: ~12,31/reduziert: ~7,24
Rezensent: Andreas G.

Strange Authorities von John Scott Tynes ist ein Roman, angesiedelt vor dem Delta Green Hintergrund für Cthulhu. Die originär fürs Rollenspiel entstandene sub-Reihe Delta Green verbindet Motive von Verschwörungstheorie und Übersinnlichem mit dem Cthulhu Mythos. Als solches ist delta Green ein cthuloides Kind der 90er, wie es auch Kenneth Hite in seinem Vorwort zusammenfasst. Die Zeit zwischen den zwei „Falls“ – dem Fall der Berliner Mauer und dem Fall der Twin-Towers – brachte gerade eben jene typische Mischung aus konspirativen Anzugträgern, Alienmysterien und permanenter Paranoia.
Delta Green greift diese Motive allesamt mehr oder minder Klischeehaft auf und verbindet sie nicht nur mit de Mythos, sondern auch der Idee einer Gegenverschörerischen Zelle – Delta Green. Diese Organisation löst sich der Idee nach aus der CIA heraus und wirkt nun als ex-Regierungsorganisation in und gegen die staatlichen Geheimdienste. Dieser Flair und Hintergrund dominiert nun auch den vorliegenden Roman. Ein großer Teil wird getragen von der Erklärung eben jener Entstehungsgeschichte, sowie der Organisationsstruktur. Am Rande wird erläutert wie das System von unabhängigen Zellen, Geheimnamen, Doppelidentitäten und Einweihungsgraden verläuft und auch der Gründer selber kommt mit seiner Vorgeschichte persönlich vor.
Auch auf einer anderen Ebene ist der Roman fast ein Quellenbuch für Delta Green. So werden die Investigationsmethoden sehr detailliert beschrieben und kommt jeder Charakter mit einer fast herauskristallisierbaren Hintergrundmotivation daher. Jeder Charakter ruft förmlich danach als (N)PC umgesetzt zu werden und wird lebendig und mit seiner „Hintergrundgeschichte“ beschrieben. Dadurch entstehen Charaktere wie man Sie auch vom Rollenspiel her kennt: Etwas überzeichnet, teilweise etwas zu sehr in die Funktion als Delta Green Mitglied gedrängt, aber durchaus kreativ und plausibel. Auch wirken sie lebendig, da sie wietgehend ‚ausgespielt‘ werden. Alltagshandlungen und kleine Zankereien zwischen den Charakteren nehmen ebensoviel Raum ein wie Diskussionen über mögliche Investigationsschlüsse und das weitere Vorgehen.
Die eigentliche Story entwickelt sich dafür etwas langsam, zumal verschiedene Stränge nebeneinander entwickelt werden und einige Kapitel der Vorgeschichte einzelner Charaktere gewidmet sind. Auch wenn die Entschlüsselung des Mythos nicht im Zentrum steht, hält die Bedrohung den Lesefluss am laufen und gibt eine spannende Folie für die Charaktere ab. Typisch für Delta Green geht es dabei nicht um einzelne isolierte Bedrohungen, sondern eine umfassende Verschwörung, die mit dem Lovecraftschen Nihilismus gewürzt sind. Der Schrecken soll die Vorstellungskraft übersteigen und auch wenn Grausamkeit immer wieder Einzug hält ist das eigentlich grausame nicht die vereinzelten Gewaltszenen, sondern die Übermacht des Horrors. Sprachlich schafft das gut geschriebene Buch es leider nicht diese Atmosphäre zu erzeugen. Es verbleibt eher bei leeren Deklamationen das etwas über die Vorstellungskraft hinausginge, als dass die Imagination des Lesers wirklich über die Grenze getrieben wird. Dafür liest sich „Strange Authorities“ ansonsten außerordentlich gut, flüssig und sogar an manchen Stellen gelungen experimentell. Dies gelingt nicht zuletzt indem immer wieder auf einen gemeinsamen Vorstellungsfundus rekurriert wird. Nicht wenige Rollenspieler werden sich an eigene Gespräche erinnert fühlen, wenn ein Charakter wie selbstverständlich mit Mad Max argumentiert. Hierdurch entsteht außerdem eine gute Bindung an die Normalität. Die Welt wirkt nicht fremd und entrückt, wenngleich die Handlung in den 90ern spielt, sondern realitätsnah. Einzelne Szenerien wirken zu überspitzt – so eine von Giftmüll übersäte von Squattern besetzte Insel- bleiben aber noch im Rahmen der Möglichkeit.
Alles in allem schafft es das Buch so eine äußerst lebendige Beschreibung einer Investigation abzuliefern, die mit einem spannenden Plot verbunden wird und durch gute, wenn auch manchmal überzeichnete Charakterzeichnung ergänzt wird. „Strange Authorities“ ist somit ziemlich genau das was es sein möchte: Gute Unterhaltung, die nicht ins überzeichnete pulpige ausufert, es dem Leser aber auch nicht zu schwer macht. Es bleibt kaum ein Gefühl von Tiefe oder Schrecken, aber eine angenehme und bei allem Mythos erstaunlich freundliche und bunte Atmosphäre zurück, die das lesen allemal wert macht. Zudem erhält der Leser gleich noch eine ganze Reihe von Investigationsdetails, Charakteren und Rollenspielnahen Szenen die eine Delta Green- oder Esoterrorists-Runde deutlich aufwerten dürften. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten etwas fehlen, liegt das Buch meines Erachtens deutlich über üblicher Rollenspielliteraturkost und ist mit etwa 7 Euro für das knapp 400 Buchseiten umfassendes ePub auch nicht überteuert und sicher einen Blick wert. Wer auf gute Oldschool-Mystery mit Charakterentwicklung steht wird nicht enttäuscht werden.

1 Comment
1 Kommentare
  1. Nette Unterhaltungsliteratur, aber nur für Fans von Verschwörungstheorien und Cthulhu. Ich persönlich mag die Cthulhu-Zyklen, egal welcher Autor es auch sein mag.
    Wenn ich die brutale Realität an mich heran lassen möchte, brauche ich nur die Zeitung aufzuschlagen. Dann doch lieber gut gemachte Verschwörungsfantasy!

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