mantikore verlag
Der Ewige Krieg
Titel: Der Ewige Krieg. Gesamtausgabe
Art: Roman
Sprache: Deutsch
Verlag: Mantikore Verlag
Publikationsjahr: 2013
Autor: Joe Haldeman
Übersetzung: Verena Hacker
Illustration: Pascal Quidault
Umfang: 201 Seiten
Bindung: Hardcover
Preis: 29,95
Rezensent: A. Giesbert

Der Ewige Krieg – The Forever War – gilt als einer der großen Klassiker der Science-Fiction Literatur. Der in den frühen 70ern erschienene Roman verbindet die Vietnam-Kriegs Erfahrungen des naturwissenschaftlich interessierten Sci-Fi Autoren „Joe Haldeman“ mit einer originellen Zukunftsvision zu einem bedeutenden (Anti-)Kriegsroman.
Mit der in einem Band zusammengefassten Neuauflage der Trilogie die neben dem titelgebenden Roman auch den Folgeroman „Am Ende des Krieges“ sowie dem in der gleichen Welt spielenden „Der Ewige Frieden“ enthält, scheint der Mantikore Verlag zeigen zu wollen, dass es sich nicht um tote Klassiker handelt. Dass diese Neuauflage mehr sein will als eine Reminisenz an alte Tage zeigt allein schon das moderne Cover. Statt Retrolook sehen wir zwei Soldaten in Kampfanzügen die auch für den heutigen Leser modern wirken (sie könnten fast einem zeitgenössischen Ego-Shooter entspringen). Das ansehnliche Cover verbirgt ein ähnlich ansehnliches Buch, das etwa 670 hochwertige Seiten, mit Lesebändchen und als nettes Gimmick ein kleines Faltposter des Covers enthält. Doch damit genug zu der gewohnt tollen Optik des Mantikore-Buches. Auch der Inhalt kann Punkten. Zuerst einmal kann die Neuübersetzung – trotz Lektoratsfehler die für einen Kleinverlag aber entschuldbar sind – überzeugen. Fachterminologie wurde behutsam übersetzt und es bleibt ein sehr schnelles, angenehmes Lesegefühl das etwa dem Original entsprechen dürfte.
Neben den drei Romanen und zwei Anmerkungen des Autors hat der Verlag außerdem noch ein fast zehnseitiges Interview mit dem Autor angefügt. Dem Buch merkt man also an dass es sich um ein Buch eines phantastikbegeisterten Verlags handelt…

Was

Aber worum geht es in dem Buch – ich beschränke mich hier als langsamer Leser zugegebenermaßen größtenteils auf Band 1 – überhaupt? Wir begleiten den Charakter Mandella in der Ich-Perspektive primär durch seine militärische Laufbahn im ewigen Krieg der Menschen gegen die Taurier. Mandella ist Teil einer Elite-Einheit die wegen ihrer Intelligenz einberufen wurde. Wie Haldeman der unter ähnlichen Bedingungen eingezogen wurde, ist Mandella darüber hinaus Physiker und Pazifist. Zumindest der Beginn könnte also durchaus einem üblichen aber guten Kriegsroman entspringen. In kurzen Kapiteln begleiten wir Mandellas Kompanie zu Beginn bei der Ausbildung die kleinere und bereits gefährliche Konstruktionsjobs und Übungskämpfe umfasst. Der Fokus liegt dabei jedoch nicht auf den Jobs, dem Kampfgeschehen, taktischen Entscheidungen, militärischen Truppenbewegungen etc. sondern auf der persönlichen Erfahrungsebene. So nimmt die „Freizeit“ einen wesentlich größeren Raum ein als aktive Kämpfe und geht es primär darum was der Krieg mit Mandella und dem Rest der Truppe macht. Seitengespräche, die in der lebendigen (lebensnahen aber nicht niveaulosen) Sprache der Marines geführt werden machen die Welt dabei sehr plausibel und ereichtern es sich in die Welt hineinzuversetzen.

Sci-Fi

So gesehen könnte die schnelle Vermutung stimmen das Haldeman hier seine Erfahrung in „Nam“ bloß in die Zukunft projiziert. Und in der Tat kann man parallelen zwischen dem ewigen Krieg gegen die Taurier und dem Vietnamkrieg ziehen. Ähnlichkeiten finden sich in vielen Aspekten: das junge Eintrittsalter der Soldaten, die Erfahrung gegen einen versteckten, fast unbekannten Feind zu kämpfen und ein Rassismus der die Taurier ähnlich wie die „Mama Sans“ und andere „Gooks“ zu bloßen Tötungsobjekten macht. Der Reiz des Romans entsteht (zumindest für mich) aber nicht primär auf dieser Ebene, sondern in erster Linie durch die gelungene Science-Fiction. Diese zeichnet sich durch zweierlei aus. Zum ersten ist da die recht profunde und konsequent umgesetzte Weiterentwicklung der Technik. Die mag nicht mehr brandaktuell sein, ich kann sie aber auch im neuen Millenium noch ernst nehmen. Haldeman nimmt sich dabei viel Zeit den Einfluss dieser Innovationen darzustellen. So nimmt beispielsweise die Gewöhnung an die Kampfanzüge viel Raum ein und macht sie zu mehr als bloßen Tötungshilfen. Vielmehr ist die Potenzierung der aufgebrachten Kraft durch den Anzug und der extreme Wärmeausgleich nicht nur ein Hilfsmittel, sondern eine Gefahr. Wenn jede Bewegung zehnmal so intensiv umgesetzt wird, sind die einfachsten Bewegungen plötzlich eine ganz neue Herausforderung…
Zum zweiten ist da der zentrale Twist des Buches. Mit Detailliebe, die dennoch nicht zu wissenschaftlich ist, werden die Auswirkung von Lichtgeschwindigkeitssprüngen und verschiedener Gravitationsbelastung beschrieben. Nicht nur, dass so die interstellare Fortbewegung glaubwürdig wird, auch geht damit in Haldemans Fiktion eine ganz massive Veränderung der Zeit einher. Jede dieser Fortbewegungen benötigt ein vielfaches von der Zeit, die die Charaktere subjektiv erleben. Das Verhältnis von „objektiver“, äusserer Zeit und „subjektiver“ Zeit klafft also krass auseinander. So bedeuten wenige Jahre Kriegseinsatz gleich einen Sprung um ein halbes Jahrhundert auf dem Heimatplaneten…
Dieses Thema der Zeitdilatation ist wohl das markanteste Thema des Buches. Was es mit Beziehungen macht, dem Verhältnis zum Heimatplaneten oder aber auch im Bezug auf den Krieg, wenn Zeit relativ geworden ist, ist ein ständiges Thema. Eine Versetzung in verschiedene Kolonien kann bedeuten das zwei Soldaten plötzlich mehrere Jahrhunderte auseinanderleben und bei Raumangriffen muss immer auch bedacht werden dass der Feind an der jeweiligen Stelle weitaus fortgeschrittener sein kann als man selber.

Zurück zu Hause

Mandella hat das zweifelhafte Glücks seinen Heimatplaneten bzw. angeschlossene freundliche Planeten zu besuchen. Hier ist er wie wir damit konfrontiert in eine neue Zeit einzutauchen und sich nur schwer zurechtzufinden. Während die Rückkehr nach Mutter Erde eine leicht abweichende aber nicht allzu innovative düstere Cyberpunkzukunft präsentiert, kann sein Aufenthalt auf einem Reha-Planeten an moderne Biopunkvorstellungen anknüpfen. Wiederum bemüht sich Haldeman um Plausibilität und wirft einen sehr ungewohnten Blick auf diese Welt. Überzeugend ist so beispielsweise seine Beschreibung neuer Bioprothesen die zwar extrem funktional sind, aber eine lange Zeit größten Schmerzes und Anstrengung bedeuten. Hier drängt sich eine Anwendung für harte Sci-Fi nahezu auf. Schwächer sind hingegen seine Ideen zur neuen Wirtschaftsform oder zur Geburtenkontrolle qua Homosexualität. Letzteres kann sich zwar in die immer wieder im Buch vorkommende Frage von künstlicher Reproduktion eingliedern, erzeugt aber weder spannende, unerwartete Konsequenzen, noch kann mich die Beschäftigung des Hauptcharakters mit dem Thema ernsthaft überzeugen.
Auf technischer Ebene finden sich in dem Buch jedoch fast permanent gute Ideen. Ohne viel vorwegzunehmen, wird beispielsweise der Einsatz von Drogen und Hypnose durch das Militär besprochen oder werden Raumreisen und ihre psychischen und physischen Gefahren plastisch dargestellt.

Fazit

Obwohl ich Science-Fiction schätze würde ich mich nicht als sonderlich belesen betrachten, was Sci-Fi Romane und speziell kriegerische, interstellare Raumfahrt behandelnde Autoren angeht. Dennoch hat mich Haldemans Ewiger Krieg gepackt. Es ist weniger eine großartige Story oder tiefsinnige Charakterentwicklung die das Buch für mich interessant macht – beides ist eigentlich recht plump und gerade die Storyauflösung ist eher mau – sondern die kreative, plausible und detaillierte Beschreibung einer Zukunft. Das Phänomen der Zeitdilatation sticht dabei heraus, aber auch wer dem Thema skeptisch gegenübersteht wird zahlreiche faszinierende Ideen finden die das Weiterlesen zu einem Genuss machen. Wer also irgendetwas mit Science-Fiction anfangen kann sollte einen Blick in diese Romanreihe werfen. Dank gelungener Neuübersetzung und einer extrem gutaussehenden Optik sollte man dabei dringend zur Mantikorevariante greifen.

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